Quelle: Christian Ammon Mainpost 2011

Kollektive Demenz?

Oder: Vergesslichkeit – eine Form der Freiheit. (Khalil Gibran)

Hoch her ging es neulich im Kirchheimer Gemeinderat zum Thema „nicht genehmigte Rodungen“ und zum Steinbruch „Steinlage“. Die Auseinandersetzung gipfelte in dem Vorwurf des „Populismus“ an den grünen Gemeinderat Christian Stück, der als einziger mit Nein stimmte. Und es wurde die Behauptung aufgestellt, es gäbe überhaupt keinen „historischen“ Steinbruch in Kirchheim. Dazu erschienen aktuell Artikel in der Mainpost, die meiner Ansicht die Fakten teilweise nicht ganz richtig darstellen. Die Belange des Naturschutz spielten leider in der ganzen Diskussion kaum eine Rolle. Eine gewichtige Rolle spielte allerdings der Kirchheimer Gemeinderat im Jahr 2011, als es um genau diese Fläche ging.

Dazu zitiere ich wörtlich den Geschäftsführer der Firma Scheuermann (Mainpost Artikel vom 25.8. 2011): …erklärte der Geschäftsführer des Familienunternehmens, Philipp Scheuermann, dass der Weg auf eigenem Grund verlaufe …. Anders verhalte es sich bei einem aufgelassenen Steinbruch am Nordende der „Steinlage“, einem der letzten Zeugnisse vorindustriellen Muschelkalkabbaus in Kirchheim. Hierbei handele es sich tatsächlich um ein „wertvolles Biotop mit seltenen Tier- und Pflanzenarten“. Hier sei keine Steingewinnung vorgesehen, betonte er.

Das sollte den Gemeinderäten nicht bekannt sein?

Denn ich kann mich anscheinend besser erinnern, als der Kirchheimer Gemeinderat. Damals wurden auch weitere historische Stätten vernichtet, nämlich die Baracken russischer Zwangsarbeiter. Wörtlich im Mainpost-Artikel vom 25.8.2011: Dabei kochte auch ein dunkles Kapitel der Kirchheimer Geschichte wieder hoch. Die Baracken russischer Zwangsarbeiter aus dem Jahr 1941 wurden beim Bau der Zufahrt beiseite geräumt…Und weiter: Immerhin ist es laut Philipp Scheuermann denkbar, etwa mit einem Findling an der Staatsstraße an die Geschichte der Siedlung zu erinnern.

Auch diese Tatsachen sollten im Kirchheimer Geschichtsbewusstsein vorhanden sein. Oder? Wieder O-Ton des damaligen Artikels: Im Winter 1941/42 sind 14 der jungen Männer an Hungertyphus gestorben. 

Leider kann ich mich auch lebhaft an die Diskussion erinnern, wo die sterblichen Überreste der verstorbenen Russen denn verblieben wären. Das wurde meines Wissens nicht eindeutig geklärt. „Die wurden verbrannt“ sagen die einen. „Die sind noch da“ andere. So richtig hat es damals anscheinend niemand interessiert… Aber falls da noch sterbliche Überreste sein sollten, würde das sicherlich Angehörige bzw. die russischen Behörden auch heute noch interessieren…

Aber merke: Es gibt keinen historischen Steinbruch in Kirchheim.

Ich fasse zusammen: 2008 beginnt die Firma Scheuermann mit nicht genehmigten Arbeiten an der „Steinlage“. Wege werden verlängert, Abgrabungen bis in 5 Meter Tiefe erfolgen etc. 2011 dann werden die „historischen Baracken“ weggeschoben, Und ein Hügel eliminiert, der beim Abtransport im Weg ist. 2021 wird dann (Original-Zitat Philipp Scheuermann 2011) ein „wertvolles Biotop mit seltenen Tier- und Pflanzenarten“ gerodet.

Danach Fragen zu stellen, trägt dem grünen Gemeinderat Christian Stück den Vorwurf des Populismus ein. Dazu kollektives Grünen-Bashing durch den Gemeinderat. Am Ende wird es noch als „Pressemeldung“ herausgegeben. Und er wird als Neubürger belehrt, es gäbe keinen „historischen Steinbruch“ in Kirchheim. Dazu klatscht der Rest des Rates. Sehr grenzwertig. 

Ich finde das unerträglich und deutlich ausserhalb einer sachlichen Auseinandersetzung. 

Ich kann jedenfalls bei seinen Äußerungen keinen „Populismus“ erkennen. Er hat einfach nur die Belange der Natur vertreten und nach rechtlichen und historischen Grundlagen gefragt. Da muss man als Gremium Gemeinderat nicht derart stillos agieren.

PS: Inzwischen hat Christian Stück meinen Artikel korrigiert. Der Vorwurf des Populismus wurde nicht explizit an ihn gerichtet, wie es der Artikel in der Mainpost fälschlicherweise suggerierte. Die „historische“ Ahnungslosigkeit des Gemeinderates bleibt.

PS: Inzwischen hat Antje Boyks sich gemeldet und verkündet, sie hätte auch dagegen gestimmt (dann wäre es 2 x Nein gewesen), war aber wegen Geburt Ihrer Tochter verhindert. Auf jeden Fall: Herzliche Glückwünsche Antje!

Norman Ort ist Online-Händler, Musiker, Texter & Konzeptioner und seit 2011 bei den Grünen in Kirchheim/Gaubüttelbrunn. Momentan ist er Ortsvorsitzender zusammen mit Antje Boyks.

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